High-Tech in der Klassik
Telecoaching für Kammermusik via Internet
Interaktives Lernen via Internet spielt heute eine immer größere Rolle. Vielerorts haben Studierende in Pilotprojekten schon die Möglichkeit, mitgeschnittene Seminare im Internet abzurufen oder vor dem Rechner von zu Hause aus live mitzuerleben. Telecoaching ist jetzt auch in der klassischen Kammermusik möglich. Egal ob die Musiker in Finnland, Frankreich oder Italien sitzen – per Internet kann ein Dozent sie aus irgendeinem anderen Teil der Welt unterrichten. Das vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur geförderte Projekt „ECMA mit ELAN“ erforscht derzeit den Fernunterricht für klassische Musiker. Ergebnisse wurden im Forschungszentrum L3S präsentiert.
In seiner Eröffnungsrede lobte Minister Lutz Stratmann die internationale Vorreiterrolle des Projekts: “Es ist immer wieder schön zu sehen, dass hier in Niedersachsen innovativste Forschung betrieben wird. Ich bin sicher, dass dieses Modell weltweit Aufsehen erregen wird. Das gilt nicht nur für die Kammermusik sondern auch für die anderen Beteiligten und ihre Disziplinen.“
Das Projekt ECMA mit ELAN ist eine Kooperation des Forschungszentrums L3S mit dem Oldenburger Forschungs- und Entwicklungsinstitut für Informatik-Werkzeuge und –Systeme (OFFIS), der Fachhochschule Oldenburg/
Ostfriesland/Wilhelmshaven und der European Chamber Music Academy (ECMA). Mit ihrer Forschung verfolgten die Partner ein konkretes Ziel: Ensembles aus ganz Europa und Dozenten aus der ganzen Welt trafen sich in der zweiten Januarwoche zur zweiten hannoverschen ECMA-Session, um zu lehren, zu lernen und ihr Können in Konzerten zu präsentieren. Dafür sind sie weite Strecken mit Bahn oder Flugzeug unterwegs. Ein übliches Szenario der European Chamber Music Academy, einer europaweiten Initiative zur Förderung der Kammermusik und ihres Nachwuchses, denn die ECMA-Sessionen gibt es über das Jahr verteilt in sechs verschiedenen europäischen Städten. Damit einher gehen hohe Reisekosten für alle Beteiligten. Um hier Abhilfe zu schaffen, testeten die Projektpartner den Fernunterricht mittels Videokonferenzsystemen. Das Ziel: Der Dozent befindet sich an einem Ort, das zu unterrichtende Ensemble an einem anderen – einer anderen Stadt oder auch einem anderen Land. Beide sind mit moderner Videokonferenztechnik miteinander verbunden. „Als Ergänzung zum notwendigen „normalen“ Unterricht spart Telecoaching erhebliche Fahrt- und Flugkosten“, betont Prof. Jörg Bitzer, von der Fachhochschule Oldenburg.
„Erste Tests zeigten, dass marktübliche Videokonferenzsysteme für die Übertragung von Kammermusik ungeeignet sind“, so Professor Bitzer. „Die heute verwendeten Konferenzsysteme konzentrieren sich auf das Übertragen von Sprache und Sprecher, sind jedoch nicht auf Musik ausgelegt.“ Deshalb entwickelten die Forscher ein System mit verbesserter Audioqualität. Dabei werden digitale Audiosignale per Internetstreaming von einem zum anderen Nutzer übertragen. Das konnten die Besucher der Projektpräsentation am Mittwoch live erleben: Prof. Hatto Beyerle, künstlerischer Leiter der ECMA, unterrichtete vor Ort. Die Musiker, das polnische Szymanowski Quartett, wurde dazu via Internet zugeschaltet.
Meldung vom 17.01.2006