„Der niedersächsische Kultusminister stiehlt sich mit der
Fitnesslandkarte aus der Verantwortung“
Offener Brief der Sportwissenschaftler an Minister Busemann
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Sportwissenschaften der Universität Hannover formulieren in einer Stellungnahme Kritik an der Zielsetzung und den wissenschaftlichen Methoden des Projektes „Fitnesslandkarte“ und äußern sportpädagogische Bedenken. Sie wenden sich mit einem offenen Brief an Minister Busemann. Der Brief liegt dieser Pressemitteilung bei.
Das Projekt „Fitnesslandkarte“ wurde vom Kultusministerium ins Leben gerufen. Per Erlass wurde am 7. Oktober 2005 für alle Schülerinnen und Schülerinnen der Schuljahrgänge 1-10 die Teilnahme an einem Fitnesstest verpflichtend vorgeschrieben. Der Test soll einen Fitness-Status-Quo ermitteln, der dann jedes Jahr erneut abgefragt wird. Seit dieses Projekt an den Schulen umgesetzt wird, haben sich Lehrerschaft und Eltern zu Wort gemeldet, die den Sinn und die Praktikabilität des Projektes anzweifeln. Einige Eltern verweigern ihre Zustimmung bei der Weitergabe der personalisierten Daten ihrer Kinder.
Die Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler der Universität Hannover vertreten die Auffassung, dass die Ziele des Fitnesstestes unklar sind und eine flächendeckende Erfassung der Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 1.-10. nicht rechtfertigen. Auch binde der hohe organisatorische Aufwand Zeit, die für einen qualitativ hochwertigen Sportunterricht fehlt.
Auch aus sportpädagogischer Sicht gibt es Bedenken: Motivationstheoretisch ist die „Fitnesslandkarte“ für leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler problematisch. Ebenfalls sind keine Interventionsmaßnahmen des Ministeriums zur Verbesserung des Schulsportunterrichts bekannt, stattdessen wurde die Zahl der Sportstunden in der Grundschule von drei auf zwei gekürzt. Etwa 50 Prozent des Sportunterrichtes in der Grundschule wird nicht von Sportlehrern, sondern fachfremd erteilt.
Aus Sicht der Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler stiehlt sich Minister Busemann aus der Verantwortung: Er lasse feststellen, dass sich die ‚Fitness’ der Kinder verschlechtert habe. Gründe hierfür sind die von staatlicher Seite zu verantwortenden unzureichenden Rahmenbedingungen wie etwa fehlende Sportfachlehrkräfte und unzureichende Sportstätten beziehungsweise deren Ausstattung. Statt nun selbst durch Verbesserung der Rahmenbedingungen die Voraussetzungen für einen ‚guten’ Sportunterricht zu schaffen und damit einen eigenen Beitrag zur Verbesserung der motorischen Leistungsfähigkeit von Kindern zu leisten, erwarte er, dass durch Eigeninitiativen diese Defizite ausgeglichen werden.
Offener Brief der Sportwissenschaftler an Minister Busemann (PDF)
Hinweis an die Redaktionen
Für weitere Informationen steht Ihnen Prof. Lorenz Peiffer vom Institut für Sportwissenschaften unter Telefon +49 511.762-3148 oder unter +49 4488.72943, E-Mail peiffer@erz.uni-hannover.de oder lorenz.peiffer@ewetel.net gern zur Verfügung.
Presseinformation vom 02.12.2005