Gemeinsame Pressemitteilung der Volkswagenstiftung und der
Leibniz Universität Hannover
Gärten und Parks als Orte der Zuflucht und Verfolgung
Der Tagungsband "Gärten und Parks im Leben der jüdischen Bevölkerung nach 1933" ist erschienen
Die Rolle von Gärten und Parks im Leben der jüdischen Bevölkerung in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur ist erst seit kurzem Gegenstand systematischer Forschung. Bislang wurde kaum untersucht, welche Bedeutung diesen Orten als Zufluchtsstätte oder als Ort der Diskriminierung und Verfolgung zukam. Eine wissenschaftliche Tagung führte nun zu einer Veröffentlichung, die dieses Themenfeld und Forschungsergebnisse erstmals darstellt. Gefördert wurde die Tagung von der VolkswagenStiftung, organisiert vom Zentrum für Gartenkunst und Landschaftsarchitektur der Leibniz Universität Hannover.
Die Tagung führte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen zusammen: Geschichte, Landschaftsarchitektur, Literaturwissenschaft, Recht und Sozialwissenschaft. Das Themenspektrum war entsprechend breit. Diskutiert wurde über Gärten und Parks im Kontext von Antisemitismus und Apartheid, über literarische Erinnerungswelten und Gärten in der Literatur; thematisiert wurden außerdem jüdische Friedhöfe und Parks als Orte der Verfolgung, Gärten der Ghettos und Konzentrationslager - und nicht zuletzt ging es um die Bedeutung von Gärten als Stätten der Identitätsfindung. Besondere Beachtung wurde der 1893 gegründeten Israelitischen Gartenbauschule Ahlem in Hannover sowie den durch diese Ausbildungsstätte mit geprägten gartenkulturellen Traditionen in Israel zuteil.
Wolfgang Benz (Berlin) und Marie-Theres Tinnefeld (München) spannen mit ihren Diskussionen "Parks und Gärten im Holocaust: Freiräume - Zuflucht - Verbotene Orte - Mordstätten" und "Apartheid-System und klassifizierte Freiräume" den Bogen von der Zeit des Nationalsozialismus in die Gegenwart und zeigen die Aktualität der Thematik auf.
Beachtung verdient dieses Buch auch deshalb, weil es am Beispiel von Gärten und Parks dokumentiert, wie "ganz normale" Bürger und Bürgerinnen Antisemitismus und Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland praktizierten - beides musste nicht von oben verordnet werden. Der Beitrag von Rüdiger Fleiter
"Stadtverwaltung und Judenverfolgung: Vorstöße zum Ausschluss von Juden aus öffentlichen Parks und zur ´Arisierung´ jüdischer Friedhöfe in Hannover" zeigt dies besonders eindringlich.
Die Nähe von Terror und Gartengenuss wird in bedrückender Weise in dem Kapitel "Gärten der Ghettos und Konzentrationslager" verdeutlicht, in dem Kenneth Helphand (Eugene/Oregon) in einem Beitrag "Ghetto gardens" und Liron Amdur (Haifa) in "Green open spaces in Theresienstadt Ghetto, 1941-1945" das Gärtnern als Mittel im Kampf ums Überleben und die Bedeutung von Gärten als Symbol der Hoffnung für Menschen in auswegloser Situation beschreiben. Hingegen thematisiert der Beitrag "Ein ´Blumenparadies´ in Auschwitz: Der Garten des Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß" durch Hartmut Ziesing (Oswiecim / Auschwitz) den "Gartengenuss“ der Täter.
Die Bedeutung der Auseinandersetzung mit dieser Thematik wird auch daraus ersichtlich, dass Shimon Stein, zurzeit der Veranstaltung Botschafter des Staates Israel, ein Grußwort für den Tagungsband schrieb.
Veröffentlichung
Hubertus Fischer und Joachim Wolschke-Bulmahn (Hg.)
Gärten und Parks im Leben der jüdischen Bevölkerung nach 1933
CGL-Studies. Schriftenreihe des Zentrum für Gartenkunst und Landschaftsar-chitektur der Leibniz Universität Hannover, Band 5
Martin Meidenbauer Verlagsbuchhandlung, München, 2008
Rezensionsexemplare können bei Professor Dr. Joachim Wolschke-Bulmahn per E-Mail unter wolschke-bulmahn@ila.uni-hannover.de angefragt werden.
Hinweis an die Redaktionen
Für nähere Informationen steht Ihnen Dr. Christian Jung, Volkswagen Stiftung, unter 0511 8381 380 oder per E-Mail unter jung@volkswagenstiftung.de und Prof. Dr. Joachim Wolscke-Bulmahn, Institut für Landschaftsarchitektur, unter 0511 762 4447 oder per E-Mail unter wolschke-bulmahn@ila.uni-hannover.de, gern zur Verfügung.
Presseinformation vom 08.01.2009