Doktorand erforscht Verständnisweisen des Suizids
Selbsttötung verstehen, bewerten, erfahren – ein philosophischer Diskurs
„Rund jeder hundertste Todesfall in Deutschland ist ein Selbstmord“, sagt Dr. Jann E. Schlimme. Der habilitierte Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie kennt sich Kraft seines Berufes gut mit dem Thema aus: „In der Psychiatrie ist Selbstmord ein häufiges Motiv – allerdings ist der Gedanke, sich umbringen zu wollen, nicht zwangsläufig pathologisch“, unterstreicht er. Nun hat der Doktorand der Leibniz Universität Hannover in seiner jüngst veröffentlichten Dissertation die philosophischen Verständnisweisen der Selbsttötung kulturgeschichtlich untersucht.
Seit zehn Jahren beschäftigt sich Dr. Schlimme intensiv mit dem Aspekt des Selbstmordes. Besonders fasziniert ihn an dem Thema, dass es zwei einander entgegen wirkende Kräfte birgt: „Wenn das eigene Leben unerträglich wird, kommt der Mensch auf den Gedanken, sich umbringen zu können. Doch das Wissen um diesen Ausweg, den er selbst für sich entdeckt und bestimmt hat, kann die Sichtweise auf die erlebte Realität so verändern, dass der Gedanke an den Selbstmord häufig wieder in den Hintergrund tritt“, erklärt er.
Besonders intensiv widmete sich der 38-Jährige dabei der Frage, wie die Philosophen die suizidale Erfahrung verstanden haben. „Jeder Mensch wurde von den Göttern auf einen Posten gestellt, den er nicht verlassen darf.“ Dieses dem griechischen Philosophen Sokrates (469-399 v. Chr.) zugeschriebene Zitat spiegelt dessen Auffassung zum Selbstmord wider. Das Gefühl der Verzweiflung rückt dabei immer wieder in den Mittelpunkt der philosophischen Betrachtung. Aber darf man sich überhaupt umbringen? Auch diese Frage hat Generationen von Philosophen im Laufe der Jahrhunderte beschäftigt. Die Stoiker beispielsweise, die im ersten Jahrhundert nach Christus ihre Blütezeit erlebten, waren der Meinung, dass dies zwar erlaubt sei, aber gut bedacht werden müsse.
Parallel zum Medizinstudium hat Dr. Schlimme bis 2004 Philosophie, Soziologie und Sozialpsychologie an der Leibniz Universität Hannover studiert. In seiner Habilitationsschrift im Fach Psychiatrie hat er sich der Suizid-Frage phänomenologisch genähert. Ein Buch, das Aspekte seiner Dissertation sowie seiner Habilitation berücksichtigt, erscheint im Herbst 2010 mit dem Titel: „Verlust des Rettenden oder letzte Rettung – Untersuchungen zur suizidalen Erfahrung“.
Hinweis an die Redaktionen
Für weitere Informationen steht Ihnen Dr. Jann E. Schlimme, Doktorand der Leibniz Universität Hannover, unter Telefon 0177/ 7105272 oder per E-Mail unter schlimme.jann@gmx.de gern zur Verfügung. Ein Foto kann unter info@pressestelle.uni-hannover.de angefordert werden.
Presseinformation vom 04.08.2010