Forschungsinitiative Relations of Difference –
Dynamics of Conflict in Global Perspective
Die Forschungsinitiative Relations of Difference – Dynamics of Conflict in Global Perspective wurde am 25.11.2009 durch das Präsidium der Leibniz Universität Hannover eingerichtet.
Darstellung des Forschungsvorhabens
In allen bislang bekannten Gesellschaften werden Menschen nicht nur nach ihren individuellen Eigenheiten voneinander unterschieden, sondern zugleich bestimmten sozialen Kategorien zugeordnet. Solche Kategorien von Differenz, wie etwa Geschlecht, Herkunft, Klasse, Ethnizität/”race” aber auch Alter, Religion und Bildung, prägen die wichtigsten sozialen Auseinandersetzungen und Konflikte. Die unterschiedlichen Folgen von Differenzzuschreibungen reichen von Abwertung und Diskriminierung über Ausgrenzung bis zu physischer Bedrohung und zum Massenmord. In der politisch-medialen Öffentlichkeit, aber auch in Teilen der Wissenschaft, werden Konflikte um (vermeintliche) Differenzen häufig verkürzt analysiert, wie es etwa in der Auseinandersetzung mit dem Islam oder um jugendliche Gewalttäter in Deutschland geschieht. Zumeist wird dabei eine der sozialen Kategorien wie ethnische Zugehörigkeit oder kulturelle Andersartigkeit verabsolutiert, anstatt der Frage nachzugehen, welche sozialen und politischen Funktionen Differenzkonstruktionen erfüllen und inwieweit sie sich im Konfliktverlauf erst herausbilden oder in Gewicht, Form oder Inhalt modifizieren.
Auch das Konfliktverständnis scheint in Teilen der Wissenschaft und im öffentlichen Diskurs häufig auf „therapeutische“ Fragen verengt, d.h. Konfliktanalysen und -lösungsmodelle werden meist nur herangezogen, um über „Differenz“ aufzuklären und Konflikte so zu regulieren, dass sie keine zerstörerische Qualität entwickeln. Demgegenüber erfahren jedoch die Bedeutung von Konfliktkonstellationen als Indikatoren und Dynamisierungsfaktoren des politisch-sozialen Kräftefelds im Inneren von Gesellschaften sowie vor allem deren wechselseitigen Wirkungen in gesellschaftsübergreifender Perspektive vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit.
Diese Desiderate nimmt die beantragte Forschungsinitiative „Relations of Difference – Dynamics of Conflict in Global Perspective“ zum Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen. In Verschränkung unterschiedlicher Fachperspektiven (Geschichte, Soziologie/ Kulturanthropologie, Erziehungswissenschaft, Literatur- und Kulturwissenschaft, Religionswissenschaft, Religionspädagogik) strebt sie an, sowohl die historische Tiefe und Veränderlichkeit jener Prozesse als auch deren wechselseitige Wirkungszusammenhänge auf der Ebene der vergangenen und gegenwärtigen Beziehungen zwischen Weltregionen auszuleuchten. Damit verfolgt sie das Ziel, die unterschiedlichen Funktionen und Bedeutungen von “Differenz” in spezifischen Konfliktkonstellationen und -dynamiken begrifflich schärfer zu fassen und empirisch zu erforschen.
Die Kooperation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus zwei interdisziplinären Studien- und Forschungsschwerpunkten der Philosophischen Fakultät (Transformation Studies und Interkulturelle Pädagogik) und dem Forschungscluster „Nationalsozialistische Geschichte“ ermöglicht diesbezüglich eine genauere Bestimmung von Reichweiten, Grenzen und somit auch Geltungsansprüchen von Theorieansätzen zu Differenz, Konflikt und Konfliktbewältigung.
Programmatischer Horizont ist neben einem umfassenden Konfliktbegriff eine erweiterte Perspektive der Intersektionalität, die Ungleichheit nicht mehr nur anhand der etablierten und bislang häufig getrennt voneinander betrachteten Dimensionen von Klasse, Geschlecht und Ethnizität untersucht, sondern auch andere Formen sozialer Differenzierung wie etwa Generation und Bildung integriert und dabei vor allem auf die wechselseitigen Interdependenzen jener Kategorien achtet. Die Einnahme einer globalen Perspektive verweist auf die Dezentrierung Europas als gemeinsamer Horizont, in dem sich die geplanten Projekte bewegen. Die außereuropäischen Regionen der Welt und dort existierende Konfliktkonstellationen sind in durchaus unterschiedlicher Intensität auf Europa bezogen – auch Formen von Kaum- oder Nicht-Bezogenheit sind Gegenstand unserer Forschung. Gleichzeitig kann die Überwindung eurozentristischer Perspektiven aber auch neue Erkenntnisse für auf Deutschland konzentrierte Forschung liefern. Wer die sozialen und kulturellen Formen moderner westlicher Gesellschaften nicht unhinterfragt als Norm gesellschaftlicher Entwicklung per se verallgemeinert, öffnet den Blick für Ressourcen und Kompetenzen, die sonst in den pluralistischen Gesellschaften Westeuropas zu oft verborgen bleiben.
Die Forschungsergebnisse können somit auch auf Praxisfelder wie Sozial-, Kultur- und Integrationspolitik, Gleichstellung, Antidiskriminierungsarbeit, Entwicklungszusammenarbeit und interkulturelle Pädagogik angewandt werden, z.B. bei der Frage, wie soziokulturell und migrationsbedingte Benachteiligungen überwunden und Diversität in Bildungsprozessen implementiert werden können.
Beteiligte Institutionen
Kontakt
Sprecherin der Forschungsinitiative
Prof. Dr. Brigitte Reinwald
Historisches Seminar
Im Moore 21
30167 Hannover
Tel. +49 511.762
- 5745
E-Mail
brigitte.reinwald@hist.uni-hannover.de
Koordinatorin der Forschungsinitiative
Dr. Janou Glencross
Historisches Seminar
Im Moore 21
30167 Hannover
Tel. +49 511.762
- 17316
Fax +49 511.762
- 17318
E-Mail
janou.glencross@phil.uni-hannover.de