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Polizeidirektion Hannover und Leibniz Universität vereinbaren Kooperation

Polizeidirektion Hannover und Leibniz Universität vereinbaren Kooperation

Hintergrund zur Kooperationsvereinbarung

Die Polizeidirektion Hannover und die Gottfried Wilhelm Leibniz Universität vereinbaren eine dauerhafte Kooperation. Was zunächst bei dem einen oder der anderen für Verwunderung sorgen könnte, ist Ergebnis eines mittlerweile langjährigen Prozesses und zeugt von Weiterentwicklung und Innovation. Auch wenn es für Fachkreise zunächst unwirklich anmutet, dass eine Universität mit der Polizei zusammenarbeitet, bietet diese Vereinbarung eine große Chance.

Es geht hauptsächlich um digitale Spuren, die in der Ermittlungsarbeit der Polizei eine immer weiter wachsende Herausforderung darstellen. Polizeibeamtinnen und -beamte sind per se keine IT-Experten, wenn auch einzelne Kolleginnen und Kollegen sich mittlerweile zu Experten weiterentwickelt haben. Aus- und Fortbildungen helfen zudem dabei, das Verständnis für digitale Prozesse zu verdeutlichen, um besser nachvollziehen zu können, wie die Täter agieren und welches Tatmittel sie in welcher Weise nutzen.

Dabei ist der Begriff "Cybercrime" etabliert und anerkannt. Diese Kriminalitätsform ist bisweilen in vielen Bereichen sichtbar geworden, sei es als sog. Phishing-Mail oder dadurch, dass ganze Betriebe oder gar Kommunen durch Schadsoftware lahmgelegt werden. Meist folgen Zahlungsaufforderungen und weitere hohe Schäden, die zu beklagen sind. Diese Verfahren zu erfassen, rechtlich und technisch korrekt einzuordnen, nichts zu übersehen und vor allem alles zu erkennen, waren und sind nach wie vor die großen Herausforderungen der Polizei. Daher befindet sich die Polizeidirektion Hannover seit Jahren in ständiger Weiterentwicklung.

Mit der steigenden Anzahl an entsprechenden Ermittlungsverfahren hat die Behörde bereits viel dazugelernt, führte erforderliche Struktur- und Personalanpassungen durch und sorgte für innovative technische Ausrüstung, um die Ermittlungseinheit im Zentralen Kriminaldienst mit dem nötigen Werkzeug auszustatten. Seit 2016 verstärken zudem extern eingestellte IT-Experten die Ermittlungseinheit und sorgen seitdem für einen enormen Erkenntnisschub. Während die "Neuen" die Polizei kennenlernen, lernen die Ermittlerinnen und Ermittler, welchen Mehrwert die IT-Experten in die Ermittlungsarbeit bringen. Hier werden neue Wege aufgezeigt, Prozesse vereinfacht und mit ein paar Programmierschritten automatisiert und somit Zeit gespart, um nur ein Beispiel zu nennen. Die Entlastungswirkung für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ist dabei enorm und beschleunigt damit die Ermittlungsarbeit immens!

Die IT-Experten sind meist ehemalige Studenten der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität und der Hochschule Hannover. Die Polizeidirektion Hannover nahm 2016 die Gespräche auf und so stieß die Behörde auf das Softwareprojekt der Universität. Diese Lehrveranstaltung der Informatik findet jährlich im Wintersemester statt. Bachelorstudierende werden im Rahmen von Software-Entwicklungsprojekten mit "echten" Kunden zusammengeführt, die wiederum vor großem Plenum die Gelegenheit bekommen, ihren Bedarf an eine zu programmierende Software darzustellen. Dabei sorgt der Leiter dieses Semesters, Prof. Dr. Kurt Schneider, für den entsprechenden Rahmen, in dem er gekonnt witzig, aber auch mit der nötigen restriktiven Art durch den Nachmittag leitet.

Die Studierenden wenden moderne Entwicklungsmethoden, wie die agilen Techniken, an. Diese Techniken tragen dazu bei, den Austausch zwischen den Kunden und den Entwicklern über die gesamte Projektdauer aufrecht zu erhalten und so gemeinsam die Anforderungen an die Software zu ermitteln. Dies ist in der Softwareentwicklung eine der größten Herausforderungen und Voraussetzung für passgenaue Software für die Kunden. So konnte auch Kriminaloberrat Alexander Fuhl, der unter anderem den Kriminalitätsbereich "Cybercrime" leitet, bereits mehrfach Studierendengruppen für eigene Softwareprojekte begeistern und als Auftraggeber auftreten. Hierbei stand es jeweils im Vordergrund, Massendaten zu beherrschen, Prozesse zu verstehen und zu vereinfachen, aber auch für Ermittlerinnen und Ermittler ein Programm zu erstellen, das ihnen bei der alltäglichen Arbeit hilft, Prozesse in digitaler Umgebung zu vereinheitlichen und Zeit zu sparen.

Dabei hatten die Teams von Studierenden je vier Monate Zeit und wurden dabei vom Kunden (einem Beamten, einem IT-Experten) begleitet und "auf der Spur" gehalten. Die Ergebnisse dieser Projekte mündeten in die erfolgreiche Programmierung von Softwaretools, die nicht nur durch die Polizeidirektion Hannover, sondern teilweise auch über ihre Grenzen hinaus bekannt geworden sind. Europol stellt eines dieser neu entwickelten Softwaretools nach einer anschließenden Überarbeitung durch einen IT-Experten der Polizeidirektion Hannover bereits heute den Polizeibehörden der Mitgliedsstaaten zur Verfügung.

Diese Softwaretools unterstützen die Polizei beispielsweise bei einer Personenrecherche im Internet, bei einer E-Mail-Postfachanalyse oder auch bei der lückenlosen Sicherung einer Webseite. Die strukturierte Aufarbeitung von Massendaten steht bei jedem Tool im Vordergrund, denn bei den polizeilichen Ermittlungen müssen immer häufiger verschiedene Datenträger und Datenverarbeitungsgeräte sichergestellt und ausgewertet werden.

Für die Studierenden, die die Software entwickelt haben, gibt es für ihre Arbeit Leistungspunkte, die sie für den erfolgreichen Abschluss ihres Semesters benötigen. Der Austausch mit der Universität brachte jedes Mal neue Erkenntnisse für die Polizei. Alexander Fuhl weiß zu berichten, dass die Studierenden mit voller Hingabe tolle Software-Tools entwickelt haben und dabei alles an Wissen investierten, das für sie abrufbar war. Die Idee, eine dauerhafte Kooperation über das Softwareprojekt hinaus aufzubauen, reifte früh heran und stieß auf beiden Seiten auf Begeisterung.

Hintergrund sind rasant fortschreitende Entwicklungen in der Gesamtheit der IT-Forensik. Eine dauerhafte Kooperation ermöglicht es beiden Seiten, mit diesen Entwicklungen Schritt zu halten. Die Polizeidirektion Hannover kann so an innovativen Entwicklungen teilhaben und sie für kriminalistische Arbeit nutzbar machen. Für die Polizei ist es dabei wichtig, wo digitale Spuren entstehen, wie sie nutzbar und sichtbar gemacht werden können und welchen Aussagewert diese für das Ermittlungsverfahren haben. Digitale Spuren sind mittlerweile in vielen Bereichen zu finden, nicht nur im heimischen PC oder im Smartphone. Selbst in WLAN-Routern oder gar in der Fahrzeugelektronik entstehen sie und können unter Umständen einen hohen Beweiswert haben.

Es ist jedoch deutlich zu betonen, dass die Einblicke für die Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Universität in die Polizeiarbeit für die Forschung sehr interessant sind, da der dort vorhandene praktische Erfahrungsschatz vielfältig und immens ist. Hier können theoretische Erkenntnisse in praktischen Fällen zur Anwendung kommen. Das ist auch für die Studierenden ein sehr motivierender Anwendungsbereich.

Das Ziel der Vereinbarung ist es hierbei, die Zusammenarbeit in der Forschung und Entwicklung zu intensivieren, aber auch die Ausbildung zu formalisieren und unter beiden Partnern zu koordinieren. Während im Rahmen der Vereinbarungen ein kontinuierlicher Austausch zwischen den Ermittlern und IT-Spezialisten und den Experten der Leibniz Universität Hannover stattfinden soll, um sich über die aktuellen Entwicklungen der IT-Forensik auszutauschen, so sollen auch Möglichkeiten für Hospitationen und Praktika geschaffen werden, um sich gegenseitig weiterbilden und Forschungen in der Praxis betreiben zu können.

Digitale Spuren findet man nicht mehr nur in großen Firmen aller wirtschaftlichen Bereiche, sondern auch vermehrt in Verwaltungen und privaten Haushalten. Somit ist jeder Mensch und jede Firma potentiell betroffen und kann Opfer einer Straftat werden. Das Netz ist dabei weit verzweigt und die Täterermittlungen erscheinen nahezu aussichtslos. Die Einrichtung einer Spezialdienststelle mit extern eingestellten IT-Experten ist bereits ein riesiger Schritt in die richtige Richtung, der nun sinnvoll intensiviert werden soll.

Mit dieser Kooperationsvereinbarung soll die Voraussetzung geschaffen werden, neueste Erkenntnisse aus der Forschung und Entwicklung dauerhaft in die Ermittlungsarbeit zu integrieren. Sie schafft damit die Grundlage für einen kontinuierlichen Informationsaustausch und gewährleistet die gegenseitige Teilhabe und Mitwirkung in der Aus-, Fort- und Weiterbildung. Hierbei sollen neue Erkenntnisse, aber auch für die Polizei neue Ermittlungsansätze oder gar neue Bekämpfungsmethoden entwickelt werden. Diese sollen direkt in die Ermittlungsarbeit einfließen und somit zur Aufklärung von Straftaten beitragen.

Beide Kooperationspartner agieren hierbei auch weiterhin in ihren eigenen Strukturen und verfolgen ihre eigenen (strategischen) Ziele, lassen aber den jeweils anderen Partner an neuen Erkenntnissen teilhaben, um sich im Perspektivwechsel miteinander weiterzuentwickeln.

Kriminaloberrat Alexander Fuhl sieht zusammen mit Prof. Dr. Kurt Schneider in dieser Kooperation eine große Chance, die bislang nur sporadisch erfolgte Zusammenarbeit zu intensivieren und für beide Seiten einen großen Nutzen zu ziehen. Hierbei werden neben der Aus- und Fortbildung, der Durchführung von Praktika und Hospitationen auch gemeinsame Projekte ins Visier genommen, insbesondere in den Bereichen Digitaler Ermittlungen, Spuren, Forensik und der Informationssicherheit. Dies soll durch Informationsaustausch, Seminare und Workshops sowie der gegenseitigen Öffnung der Fachbereiche erfolgen.

Für beide Kooperationspartner ist dies alles Neuland. Erste Erfahrungen werden regelmäßig besprochen und ausgetauscht, um sich gegenseitig weiterzuentwickeln. Man darf gespannt sein.