Vor 40 Jahren – am 26. April 1986 – ereignete sich in Chornobyl in der heutigen Ukraine (damals UdSSR) der bisher schwerste Unfall in der zivilen Nutzung der Kernenergie. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 marschierte die russische Armee durch die kontaminierte Sperrzone, außerdem kam und kommt es zum Beschuss kerntechnischer Anlagen in der ganzen Ukraine. Das Institut für Radioökologie und Strahlenschutz (IRS) der Leibniz Universität Hannover forscht und unterstützt seit 1988 in den kontaminierten Gebieten, gemeinsam mit der ukrainischen Bevölkerung sowie mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der Ukraine.
Prof. Dr. Clemens Walther, Professor für Strahlenschutz und Radioökologie an der Leibniz Universität Hannover und Leiter des IRS, und Dr. Sergiy Dubchak, wissenschaftlicher Mitarbeiter am IRS, über die derzeitige Situation in der Reaktorruine und den kontaminierten Gebieten.
Wie haben sich die kontaminierten Flächen in den vergangenen 40 Jahren entwickelt?
Durch den radioaktiven Zerfall vieler Radionuklide und ihre Verlagerung in tiefere Bodenschichten hat die oberflächennahe Strahlenbelastung im Laufe der Jahrzehnte deutlich abgenommen. Dadurch konnten einige Gebiete neu bewertet werden; so wurde die am wenigsten belastete Zone 4 im Jahr 2015 aufgehoben. Gleichzeitig werden andere Zonen heute systematisch untersucht, um zu prüfen, ob eine Wiederbesiedlung oder landwirtschaftliche Nutzung möglich ist. Auch die Umwelt hat sich stark verändert: Da große Flächen kaum noch vom Menschen genutzt werden, breitet sich dort wieder natürliche Vegetation aus, und die Gebiete entwickeln sich teilweise zu Rückzugsräumen für Tiere und Pflanzen. Gleichzeitig werden Maßnahmen erprobt, etwa Pflanzen zur Aufnahme von Radionukliden, um Böden langfristig zu dekontaminieren. Trotz dieser Fortschritte bleiben besonders stark kontaminierte Bereiche, vor allem in der unmittelbaren Umgebung des Reaktors, weiterhin dauerhaft eingeschränkt nutzbar.
Welche Rolle spielt der russische Angriffskrieg?
Der russische Angriffskrieg verschärft die Situation in der kontaminierten Region erheblich. Russische Truppen besetzten im Februar 2022 die Sperrzone von Chornobyl und hielten dort Beschäftigte des Kraftwerks über längere Zeit fest. Dabei kam es zu Beschädigungen an Anlagen und zeitweisen Problemen mit der Stromversorgung, die für die Kühlung nuklearer Anlagen wichtig ist. Zudem wurden Einrichtungen zur Umwelt- und Strahlungsüberwachung geplündert oder zerstört. Auch nach dem Rückzug der Truppen bleiben schwere Folgen: In der Region wurden über 20.000 Landminen hinterlassen, die Arbeiten und Brandbekämpfung erschweren. Zusätzlich beschädigten russische Drohnen 2025 die Schutzhülle über dem zerstörten Reaktor, wodurch wichtige Anlagen vorübergehend ausfielen und aufwendige Reparaturen nötig werden. Insgesamt hat der Krieg somit Infrastruktur zerstört, die Sicherheitslage verschlechtert und die wissenschaftliche Forschung sowie das Management der kontaminierten Gebiete stark behindert.
Ist durch die Auswirkungen des Krieges eine weiträumige Verbreitung von Radioaktivität möglich?
Eine weiträumige Verbreitung von Radioaktivität aus der Sperrzone bis nach Deutschland ist nicht in radiologisch bedenklichem Ausmaß zu erwarten. Mit sehr empfindlichen Messverfahren lassen sich gelegentlich geringe Mengen Cäsium-137 nachweisen, die aus der Ukraine nach Westen transportiert wurden, etwa durch Waldbrände. Diese Brände können radioaktive Partikel aus Pflanzen und oberen Bodenschichten in die Atmosphäre freisetzen. Innerhalb der Ukraine können die Konzentrationen zeitweise stärker ansteigen, insgesamt wurden jedoch bisher keine gefährlichen Freisetzungen festgestellt.
An welchen Fragestellungen forscht das IRS in und mit Bezug zur Ukraine?
Unsere Forschung dient dazu, die langfristigen Folgen der Nuklearkatastrophe zu verstehen, Risiken für Mensch und Umwelt abzuschätzen und Strategien für den Umgang mit kontaminierten Gebieten zu entwickeln. Wir untersuchen, wie radioaktive Stoffe wie Cäsium-137, Strontium-90 oder Plutonium sich in Böden, Gewässern, Pflanzen und der Atmosphäre bewegen. Ziel ist es zu verstehen, über welche Wege diese Stoffe letztlich zu Menschen gelangen können. Außerdem erforschen wir die Strahlenexposition des Menschen, ein zentrales Ziel ist die Abschätzung der Strahlenbelastung der Bevölkerung. Dazu werden Messdaten erhoben und Modelle entwickelt, die zeigen, wie Radionuklide vom Boden über Pflanzen und Nahrungsketten bis zum Menschen gelangen. Ein weiteres Forschungsfeld ist die Entwicklung von Methoden, mit denen radioaktive Stoffe aus Böden entfernt oder gebunden werden können, etwa durch biologische Prozesse mit Pflanzen, Pilzen oder Mikroorganismen. Und wir entwickeln hochsensitive Messverfahren, um extrem kleine Mengen von Radionukliden nachzuweisen und ihre Herkunft oder Ausbreitung nach nuklearen Ereignissen besser zu rekonstruieren.
Kontakt:
Prof. Dr. Clemens Walther
Institut für Radioökologie und Strahlenschutz
Telefon 0511 762-3312
E-Mail walther@irs.uni-hannover.de